(wirre) Gedanken eines Eingewiesenen

Donnerstag, 1. März
1337 Telefonkarte Jo, es ist grad mal 20 nach 9 Morgens, aber der Tag war schon super: Fangen wir einmal mit den guten Dingen an, und weil dies hier eine wirre/wirsche Gedankensammlung ist, machen wir das mal in der Form, auf die ich gerade Lust hab: Stichpunkte. Ja, genau, wie die Stellen an meinem Arm, an denen die Braunülen im Kampf gegen meine Venenklappen gnadenlos gescheitert sind. Witzig: Erst vor einigen Tagen habe ich auf einem dieser wundervollen Plakate im Wartezimmer (Man merkt’s schon: Stichpunkte und so. Keine Sorge, die kommen gleich) gelernt, dass es so etwas überhaupt gibt – und prompt rebellieren die Meinigen gegen eindringende Plastikschläuche. Dreckige Punks, miese Hippies.

Jetzt habe ich überhaupt gar keine Lust mehr auf Stichpunkte – also lass ich’s erstmal, hier einige Beobachtungen des heutigen Tages, und zwar in Satzform:
Es gibt 2 verschiedene Arten von „Echo“ (Echokardiographie) – einer Ultraschalluntersuchung des Herzens – die Unterschiede sind wohl gravierend, so darf man für die eine Form nichts essen, bekommt einen Schlauch in den Hals und wird von innen sonarisiert, während man zu der anderen durchaus vollgefressen ankugeln kann und nicht mal einen Risikowisch unterschreiben muss. Nicht immer wissen allerdings die Angestellten, welche nun gerade von Nöten ist. Schade, wenn man -huch, musste gerade Blut abgeben und hab danach kurz einen WLAN ESSID Broadcast aufgefangen. Damn. – gesagt bekommt, man solle nach dem Frühstück den Shuttlebus zu einem anderen Klinikteil nehmen, nur um dort dann gesagt zu bekommen, man müsste mit nüchternem Magen und über Risiken aufgeklärt auftauchen. War wohl nix. Huch, grad waren nochmal zwei Medizinstudentinnen hier, die auf mein Herz hören wollten. Das ist doch mal was. Mit dem Hinweis, man solle immer auf’s Herz hören hab ich’s ihnen natürlich erlaubt. Die sollen ja auch mal was lernen. Zurück zur Wartezeit auf die nichtexistente Untersuchung (Juchuu, endlich Stichpunkte!), beziehungsweise zu den Beobachtungen:

  • Innerhalb von zehn Minuten sind (immerhin im fünften Stock) 7 Menschen mit Regenüberhosen vorbeigegangen. Das sind immerhin 7 mehr als ich in den letzten 2 Jahren gesehen habe.
  • Falls mehrere Frauen zusammen an mir vorbeigehen, sind es _immer_ eine dicke und eine dünne. Die dicke geht immer von mir aus gesehen auf der linken Seite (egal in welche Richtung sie unterwegs sind) und hat etwas um den wülstigen Hals gewickelt, während die dünne nichts um den Hals hat. Dies ist die unwichtigste Beobachtung, allerdings hat sie mich am meisten fasziniert. Ich musste jedes mal auflachen.
  • Männer mit Haarreif sehen bescheuert aus.
  • in manchen Krankenhäusern gibt es doch tatsächlich zwischen dem vierten und dem fünften Stock EC-Geldautomaten. Sachen gibt’s.
  • Das – ich nenne es mal – Echolot läuft unter Windows 2000 und schmiert ab, sobald ich in Sichtweite komme.
  • Pflegekräfte machen sich gern über nassgeregnete Pflegekräfte lustig. Nichts besonderes, ich würd’s nicht anders machen, aber aufschreiben muss man’s ja trotzdem.
  • Mein Zimmergenosse meinte vorher, das sei ja mal so total super in der Hauptklinik – wenn man sich verlaufe, und etwas verwirrt irgendwo stehe, kämen sofort irgendwelche hübschen Damen in Uniform und führten einen auf den rechten Weg. Meine schöne Dame war ein dicker, alter Mann im Flanellhemd. Man will ja nicht meckern.

Auf dem Rückweg hatte ich im Shuttle-Bulli die zweifelhafte Ehre, das erste Mal das Lied „Candy Shop“ in seiner vollen Güte zu Ohren zu bekommen. Man könnte meinen, der Verzicht auf eine Melodie sei ein Indiz für die gesteigerte Priorität des lyrischen Teils. Pustekuchen. Platte Frivolitäten reihen sich an unglaublich schlechte Reime (oder bestehen aus ihnen), Zeilenma? und Sprachrhythmus haben sich vorsichtshalber garnicht erst blicken lassen. So lasse ich es mir nicht nehmen, an dieser Stelle alle Fans dieses unsäglichen Schundes persönlich zu beleidigen, indem ich sie als dumme und präpubertäre Knödelkröten bezeichne. Ich komme wirklich nicht darüber weg, weshalb ich mich zum Abschluss dieses Absatzes noch einmal frage, was einen Sender wohl dazu bringen kann, diese Eiterbeule unter den audiellen Vergewaltigungen tatsächlich in die Luft zu pumpen. Jetzt reicht’s aber, so viele Zeichen hat das eh nicht verdient. Bah!

Frisch ausgestiegen, latscht unsereins dann gemütlich durch den Haupteingang, dessen Automatiköffnung wohl das alte Modell ist.
Dieses Modell ist im Gegensatz zu jenen aus dem „Anhalter“ von Douglas Adams bekannt dafür, dass es noch denkt, gute Arbeit zu verrichten (wenigstens war kein Stöhnen zu vernehmen), wenn es sich genau mit dem Durchgehen eines unschuldigen Patienten schlie?t. Bonuspunkte für die getroffene Braunüle, die in meinem Arm steckt. „Leben? Erzählt mir nichts vom Leben“, wie Marvin sagen würde.
So, kurz nach 10 – Klozeit. Bis gleich, lieber Leser.

Bah. Dieses Essen macht ganz schön grü… Stop. Bis hierhin und nicht weiter. Keinen Ton mehr darüber.

Meine Krankenhaustelefonanschlusskartennummer ist übrigens 1337. Teh roxx0r, wie man so schön sagt. Mehr geht nicht.

Zimmergenosse. Das ist das nächste Thema. Gleichzeitig bezeichnet das Wort in meinem Fall einen netten Kerl, fu?ballverrückt und Bildleser, aber trotzdem nett. Mit seiner Hilfe hab ich mein Wissen in Sachen „Fernsehtrivialitäten“ aufgefrischt. Das ist auch das eigentliche Thema, zu dem vollkommen stümperhaft übergeleitet wurde. Fernsehen, Fernsehen, Fernsehen. Fernsehen ist als Hörspiel (Wir beide haben je einen kleinen LCDTV am Bett hängen. Meiner ist immer aus, seiner immer an.) übrigens nicht unbedingt besser als Komplettkonsum. Ich wei? zwar nicht, wie die Serien hei?en, aber immerhin ist es Gewissheit, dass irgendeine Tochter irgendeines Pastors in irgendeiner Schmalzserie auch ganz dringend Pastor werden will. Oft laufen auch irgendwelche Soaps mit Wild-West-Ranch-Bonanza-Einfluss oder oft wiederholte Berichte über blutspendende Hunde. Interessant sind auch die Polizisten, die sich in diesem Moment auf VOX küssen wollen. Sie will, er nicht. Stoff, aus dem die Träume sind.

Hoffentlich darf ich heut mal runter in den Klinikgarten – gestern hat die diensthabende Schwester mich davon abgehalten, weil ja die ?rzte, die sich nach der morgentlichen Blutabnahme für vormittags noch angekündigt haben, noch hätten kommen können.
Irgendwann abends hab ich das letzte mal gefragt, als es dunkel war. Antwort: Die ?rzte sind schon nach Haus gefahren. Yeah. Also den ganzen Tag umsonst mit Alexa auf dem Zimmer rumgehangen. ?rzte weg, Sonne weg, Alexa weg. Wenigstens frische Luft im Dunklen. Gro?er Sport.

Am liebsten würd ich nochmal schön durch den Rewe Markt stromern und ein paar sinnlose Sachen kaufen, auf die ich nichtmal Appetit hab.
Leider habe ich aber dem ‚Freund meiner Venen‘ (siehe ganz oben), einem Medizinstudenten, davon erzählt, dass ich vorgestern eben dies gemacht hab. Jetzt wei? ich, dass es nicht gestattet ist. Schade.
Aus Frust über den überfüllten Abendbrotraum und in Ermangelung der Fähigkeit, stehend auf einen Platz zu warten, war ich im Regen zum Rewe gelatscht, weil ich stabiler gehen konnte als zu stehen. Trotz wackeliger Beine war’s gro?artig, mit viel zu lauter Musik in den Ohren den auf die Regenjacke prasselnden Regen zu genie?en. Metalcore, Doublebass und alles, was dazugehört. RattatatatatataTAMM. Und das war nur der Refrain.

So, jetzt hab ich nichts mehr zu schreiben – Gott sei dank, Alexa ist ja auch grad gekommen.

Nachtrag, Viertel nach Fünf Nachmittags (und im Laufe des restlichen Abends), Alexa ist wieder wech:
Igitt. Da haben’s mir doch glatt gerade mal so zwei Stücke Haut hinter der Schulter ausgestanzt und den Kram hinterher wieder zugenäht.
Schöne Sätze, die dabei gefallen sind:

  • „Merken Sie wirklich nichts mehr? Tut das ganze garnicht weh?“ – „Nein, aber jetzt stell ich’s mir leider bildlich vor.“
  • „Hmmm.“ (Nicht so schlimm wie ein unkommentiertes ‚Ups‘, kommt aber Nahe dran.)
  • „Na, das blutet ja doch schon ganz schön bei Ihnen.“
  • (zur Assistenz) „Das sieht hier jetzt ganz schön wild aus.“
  • (nachher, als ich aufstand und den blutversifften Knäuel aus Abdeckungstüchern und den See auf dem Laken seh) „Och, ups – Das wollt‘ ich jetzt eigentlich vor Ihnen verbergen…“

War aber nicht so schlimm, wie’s klingt – alle waren nett und lustig, die Assistenzärztin/studentin/wasauchimmer kam ursprünglich aus Bielefeld und findet Bielefeld total super. Yeah. Ich auch! Hätte mir fast eine wilde Handschlagbewegung ausgedacht, bis mir zum Glück wieder eingefallen ist, dass ich nicht mehr 8 bin.

Heute durften wir sogar zwischendurch so oft runter, wie wir wollten, sogar die Sonne hat sich blicken lassen!
Mit Inspection 12 lässt sich der Abend jetzt gut ausklingen. Inzwischen trauere ich der Gelegenheit nach, mir die zwei runden Hautfetzen vom Hals abtackern zu lassen – authentische Vampirbissnarben bekommt man nicht so oft.

Bis Bald, Ihr Menschen und Unmenschen! Vielleicht bin ich ja auch schon wieder in Bielefeld, wenn dieser Text online kommt, man munkelt, es könnte morgen oder übermorgen schon soweit sein.

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