Reflexionsgucker

Es ist Morgen. Man quält sich aus dem Bett um den Wecker auszumachen, den man, wohl wissend wie einfach er sonst zu erreichen gewesen wäre, am anderen Ende des Zimmers platziert hat. Ein müder Blick durch das Zimmer: Alles genau so, wie man es gestern fallen gelassen hat. Trotzdem wirkt die Welt etwas unfreundlicher als am Abend zuvor. Nächste Station ist das Badezimmer. Erst einmal dem Porzelangott huldigen und dann weiter unter die Brause. Während das hei?e Wasser den Körper herunterläuft und man lustlos mit der Zahnbürste im Mund herumstochert kommt das erste Quäntchen „wach“ in einem hoch. Die Gedanken fangen an sich mit der Tagesplanung zu beschäftigen. Wochentag. Arbeiten. Tagesplanung beendet. Irgendwann ist der Boiler dann am Ende und das Wasser nähert sich einem anderen Aggregatzustand. Also raus aus der Dusche. Ein paar Textilien aus dem Schrank klauben. Denken, dass man mal wieder Klamotten aus der Wäschekiste in den Schrank relokalisieren sollte. Naja. Heute abend vielleicht. Raus aus dem Haus, Schmalzbohrer ins Gehirn gedrückt und Richtung Stra?enbahn hetzen. Eine Minute noch. Dann vielleicht doch besser rennen. Zeitgleich mit der Bahn treffe ich am Bahnsteig ein. Rein in die Bahn. Ein Sitzplatzcheck ergibt keine lohnenden Ziele. Also stehen. Macht bei den paar Haltestellen auch nichts. Als nächstes werden die Gesichter der Anwesenden mit denen der letzten Tage abgeglichen. Hat sich nur wenig geändert. Als der Blick von Gesicht zu Gesicht huscht, zucken manche Augenpaare hektisch zu Boden. Wäre ja auch komisch, wenn sich zwei Menschen gegenseitig angucken würden. Also ein bisschen aus dem Fenster lugen. Da verschwindet die Bahn auch schon im Tunnel, verschluckt die einladende LandschaftBebauung und lässt nur Spiegelbilder ihres Inneren zurück. Da sind die Gesichter wieder. Fast alle schauen aus den Fenstern obwohl drau?en nur Dunkelheit existiert. Die Pupillen huschen wieder hin und her. Ruhen aber länger auf einzelnen Punkten, als sie es au?erhalb des Tunnels getan hätten. Es werden schamlos die anderen Passagiere begafft. Es passiert sogar, dass vereinzelt Blickkontakt gehalten wird. Haben Menschen mehr Selbstbewusstsein, wenn sie andere nur als Reflexion wahrnehmen? Warum können sie sich nicht direkt in die Augen gucken? Und warum bin ich immer der Einzige in der Bahn, der demonstrativ gegen die ganze Miesepetrigkeit anlächelt? Slagsmålsklubben?

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